Kreuzschmerzen mit Ausstrahlung ins Gesäß werden häufig zunächst mit der Lendenwirbelsäule in Verbindung gebracht. Doch nicht immer erklären Veränderungen im Röntgenbild oder MRT die Beschwerden vollständig. Ein Fall aus meiner Praxis zeigt, warum es bei länger bestehenden Beschwerden sinnvoll sein kann, neben der Bildgebung auch funktionelle und myofasziale Zusammenhänge zu betrachten.
Ein Fall aus meiner Praxis
Ein 74-jähriger Patient stellte sich mit seit längerer Zeit bestehenden, ausgeprägten Schmerzen im Bereich der Lendenwirbelsäule und des Kreuzes mit Ausstrahlung in das Gesäß vor.
Besonders belastend waren die Beschwerden in den frühen Morgenstunden. Die Schmerzen weckten ihn teilweise so früh, dass er aufstehen musste. Nach dem Aufstehen und mit zunehmender Bewegung besserten sie sich im Laufe des Tages etwas.
Auch Positionswechsel waren schmerzhaft. Insbesondere beim Aufstehen aus einer sitzenden Position bemerkte der Patient die Beschwerden deutlich.
Schmerzmittel und Physiotherapie brachten keine ausreichende Besserung
Bevor der Patient zu mir kam, hatte er bereits mehrere ärztliche Stationen durchlaufen.
Zunächst erfolgte die Behandlung durch den Hausarzt mit Schmerzmitteln und Physiotherapie. Da die Kreuzschmerzen trotzdem anhielten, stellte er sich anschließend bei einem Orthopäden vor.
Im dort veranlassten Röntgenbild der Lendenwirbelsäule zeigten sich degenerative, also verschleißbedingte Veränderungen. Solche Veränderungen sind mit zunehmendem Lebensalter häufig. Bei der späteren Sichtung der Aufnahmen erschienen die Veränderungen insgesamt passend zum Alter des Patienten und zu seinem ansonsten guten biologischen Zustand.
Da die Beschwerden weiterhin bestanden und in die Gesäßregion ausstrahlten, wurde der Patient schließlich auch einem Neurochirurgen vorgestellt.
Eine MRT-Untersuchung der Lendenwirbelsäule stellte die bereits bekannten degenerativen Veränderungen noch genauer dar. Der Neurochirurg sah jedoch keine Indikation für eine Operation. Auch nach eigener Sichtung der vorhandenen Bildgebung ergab sich kein Hinweis darauf, dass eine operative Behandlung im Vordergrund stehen sollte.
Der Patient setzte daher zunächst seine Physiotherapie fort. Die für ihn besonders belastenden Beschwerden blieben jedoch bestehen.
Wenn das MRT nicht die ganze Geschichte erzählt
Röntgenbilder und MRT-Aufnahmen sind wichtige Bestandteile der Diagnostik von Rückenschmerzen. Sie zeigen anatomische Veränderungen sehr detailliert.
Ein bildgebender Befund beantwortet jedoch nicht immer die entscheidende Frage:
Welche Struktur verursacht die Schmerzen, die der Patient im Alltag tatsächlich empfindet?
Gerade bei länger bestehenden Kreuzschmerzen lohnt es sich deshalb, neben der Bildgebung auch die Funktion von Lendenwirbelsäule, Becken, Hüften und Muskulatur genauer zu untersuchen.
Bei diesem Patienten erfolgte daher zusätzlich eine ausführliche funktionelle und myofasziale Untersuchung. Dabei wurde nicht nur die Lendenwirbelsäule betrachtet. Auch die Becken- und Hüftregion, die Gesäßmuskulatur sowie funktionelle Zusammenhänge mit den unteren Extremitäten wurden in die Untersuchung einbezogen.
Die bekannten Schmerzen ließen sich bei der Untersuchung reproduzieren
Ein für die weitere Behandlung wichtiger Befund ergab sich während der Untersuchung:
Die Schmerzen, die den Patienten insbesondere morgens und bei bestimmten Bewegungen im Alltag quälten, ließen sich durch die Untersuchung gezielt reproduzieren.
Dabei zeigten sich relevante myofasziale Befunde insbesondere im Übergangsbereich zwischen Lendenwirbelsäule, Becken und Gesäßmuskulatur.
Das war ein wichtiger Hinweis darauf, dass neben den im MRT sichtbaren degenerativen Veränderungen auch funktionelle und myofasziale Faktoren an seinem Beschwerdebild beteiligt sein könnten.
Myofasziale Schmerzen können ausstrahlen
Muskulär-fasziale Schmerzquellen verursachen Beschwerden nicht zwangsläufig nur unmittelbar an der betroffenen Stelle.
Typisch können sogenannte übertragene Schmerzen – „referred pain“ – sein. Dabei wird der Schmerz in einer anderen oder deutlich größeren Region wahrgenommen als dort, wo sich der auslösende myofasziale Befund befindet.
Gerade aus der Gesäßmuskulatur und der lumbopelvinen Region können Schmerzen in das Gesäß, das Kreuz und den unteren Rücken projiziert werden.

Behandlung über mehrere Wochen statt nach einer Sitzung beurteilen
Aufgrund der Untersuchungsbefunde bestand aus meiner Sicht eine gute Chance, die Beschwerden durch eine gezielte manuelle und apparative myofasziale Behandlung deutlich zu reduzieren.
Wichtig war dabei eine realistische Erwartungshaltung.
Dem Patienten wurde bereits vor Beginn erklärt, dass eine solche Behandlung nicht nach einer einzelnen Sitzung beurteilt werden sollte. Geplant waren etwa sechs bis acht Behandlungssitzungen über einen Zeitraum von ungefähr sechs bis acht Wochen.
Bei länger bestehenden Beschwerden benötigen Veränderungen häufig Zeit – und damit auch etwas Geduld auf beiden Seiten.
Der Patient wurde ebenfalls darauf hingewiesen, dass die Beschwerden nach einzelnen Behandlungen vorübergehend sogar etwas stärker wahrgenommen werden können. Auch während der gesamten Behandlungsphase können bessere und schlechtere Tage auftreten.
Entscheidend war deshalb nicht die Momentaufnahme unmittelbar nach einer Behandlung, sondern eine andere Frage:
Wie geht es dem Patienten diese Woche im Vergleich zur vergangenen Woche?
Genau daran wurde der Behandlungsverlauf beurteilt.
Bewegung statt Schonung
Während der gesamten Behandlungsphase bestand aus meiner Sicht kein Grund, den Patienten in seinen normalen Alltagsaktivitäten oder seinen sportlichen Betätigungen grundsätzlich einzuschränken.
Im Gegenteil: Bewegung sollte weiterhin Bestandteil seines Alltags bleiben.
Lediglich längeres Sitzen in tiefen, weichen Sesseln sollte er zunächst möglichst vermeiden. Gerade das Aufstehen aus einer solchen Position provozierte seine Beschwerden regelmäßig.
Für längeres Sitzen empfahl sich daher vorübergehend eher eine stabile Sitzfläche mit ausreichender Sitzhöhe.
Das Ziel bestand also nicht darin, den Rücken möglichst wenig zu belasten oder vor Bewegung zu „schützen“. Vielmehr sollte der Patient seinen normalen Alltag soweit wie möglich fortführen.
Das Ergebnis nach sechs bis acht Wochen
Im Verlauf der Behandlung gingen die Beschwerden schrittweise zurück.
Zwischen der sechsten und achten Behandlungswoche berichtete der Patient schließlich aus seiner eigenen Wahrnehmung über eine Besserung seiner ursprünglichen Beschwerden um mindestens 85 Prozent.
An diesem Fall ist ein Aspekt besonders interessant:
Die im Röntgenbild und MRT sichtbaren Verschleißveränderungen der Lendenwirbelsäule waren selbstverständlich weiterhin vorhanden.
Verändert hatte sich nicht das MRT – verändert hatten sich die Schmerzen und die Funktion des Patienten.
Genau deshalb betrachte ich bei Kreuz- und Rückenschmerzen vorhandene Röntgen- oder MRT-Bilder immer im Zusammenhang mit dem Menschen, seinen Beschwerden und dem klinischen Untersuchungsbefund.
Bildgebung ist wichtig. Sie ist aber nur ein Teil der Diagnostik.
Eine zusätzliche klinische, funktionelle und myofasziale Untersuchung kann insbesondere bei länger bestehenden Beschwerden Hinweise auf behandelbare Strukturen und funktionelle Zusammenhänge geben.
Erkennen Sie sich in diesem Fall wieder?
Sie haben Schmerzen im unteren Rücken oder im Kreuz, möglicherweise mit Ausstrahlung in das Gesäß? Röntgen oder MRT zeigen bereits Verschleißerscheinungen, eine Operation wurde jedoch nicht empfohlen – und trotzdem bestehen Ihre Beschwerden weiter?
Dann kann es sinnvoll sein, zusätzlich zu den vorhandenen Bildern die Funktion von Lendenwirbelsäule, Becken, Hüfte und Muskulatur genauer zu untersuchen.
Gerne können Sie Ihre Beschwerden persönlich mit mir besprechen und einen Termin zur Untersuchung vereinbaren. Bringen Sie vorhandene Röntgen-, CT- oder MRT-Aufnahmen und Befunde gerne zu Ihrem Termin mit.
Hinweis: Dieses Fallbeispiel wurde anonymisiert und dient der allgemeinen medizinischen Information. Der dargestellte Verlauf ist individuell und lässt sich nicht auf andere Patientinnen und Patienten übertragen. Ein bestimmter Behandlungserfolg kann nicht garantiert werden.
